Alte Mauern erzählen spannende Geschichte

Sucht jemand einen Ort, der spannende Geschichten erzählen kann, wird er in diesen Mauern mit Sicherheit fündig. Der Hof, zu dem sie gehören, steht nördlich von Löbau, genau gesagt in Spittel. Er zählt zu den ältesten aus Stein gebauten Bauernlegen unserer Heimat. Gute und schlechte Zeiten hat das Anwesen erlebt, und ja – es birgt auch ein Geheimnis.

Zu traurigem, dennoch historisch bedeutsamen Ruhm gelangte das Gehöft am 5. September 1813. Am Vortage verteidigte ein preußisches Bataillon Infanterie unter dem Kommando des Majors Hiller von Gärtingen heldenhaft den Wohlaer Berg bei Löbau. Die Einheit sollte den Rückzug Blüchers und die Überwindung des Löbauer Wassers über drei Feldbrücken an der gemauerten Mühle Bellwitz decken. Napoleon selbst übernehm gegen 19 Uhr die Führung seiner Truppen, doch es war zwecklos. Um 21 Uhr musste er unverrichteter Dinge die Kampfhandlungen einstellen. Major Hiller zog sein Bataillon im Schutz der Dunkelheit ab und folgte (gleichfalls über die Brücken) den eigenen Hauptstreitkräften. Am nächsten Tag, dem 5. September, ritt Kaiser Napoleon persönlich auf den Berg, um die preußischen Stellungen zu besichtigen. Vorher hatte er für die Verwundeten eilig ein Lazarett im vorgenannten Spitteler Gut aufschlagen lassen. Nachdem er mit der Bergvisite fertig war, galoppierte er dorthin und besuchte seine verletzten Soldaten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das an einer Wegekreuzung gelegene Anwesen schätzungsweise weit über 500 Jahre auf dem Buckel. Wann ein Bauer das Steinhaus darauf baute, kann keiner mehr sagen. Sicher und aktenkundig belegt ist, dass die Grundbesitzer von Spittel 1348 Untervasallen derer von Kittlitz gewesen sein mussten. Unter den Ältesten des Weichbildes tauchte damals ein gewisser Hermann von dem Spital auf. Mit Siegel und Unterschrift zeichnete er als S. Hermani de Hospitali. Nach Hermann Knothe (Geschichte des Oberlausitzer Adels und seiner Güter) stammte er aus der Linie des Hauses von Gersdorff. Und geht man davon aus, dass die nahe gelegene Stadt Löbau erstmals im Jahre 1221 urkundlich erwähnt wurde, dürften deutsche Siedler das Umland bereits davor in Besitz genommen haben. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass das Bauernhaus inklusive der Stallungen und Scheunen ursprünglich einstöckig gebaut war. Deutlich zu erkennen ist das an den Feldsteinen der unteren Etage. Das zweite und Dachgeschoss dagegen bestehen aus Ziegeln. Auf einem Stein am Nebengebäude hat der anzunehmende damalige Bauherr die (noch erkennbaren) Zeichen MB d. 800 eingemeißelt. Möglicherweise weisen sie auf dessen Namen und das Jahr 1800 hin. Das aber ist reine Spekulation. 

Nebengebäude / Scheune

Wer bezüglich der Historie des Hofes nähere Angaben machen kann, melde sich bitte beim Verein Napoleonzeit 1813 e. V.!

Inschrift am Nebengebäude

Napoleonstein vor dem Gehöft

Gewölbekeller unter dem Wohnhaus

Sicher und belegt aus der neueren Geschichte des Hofes ist, dass im Jahre 1930 Karl Tillich, der Großvater des späteren sächsischen Ministerpräsidenten, das Gehöft erwarb. Seinen angestammten Hof im Norden der Oberlausitz musste er der Braunkohle opfern. Dafür bekam er eine Entschädigung, für die er billig das zu jener Zeit insolvent stehende Spitteler Gut kaufte. Als Ortsbauernführer brachte er es in den darauffolgenden Jahren zu nachhaltiger Bekanntheit, weshalb Insider das Grundstück bis heute als Tillichhof bezeichnen. In der DDR allerdings verfiel dieser zusehends. An einen Großteil der Stallungen und Scheunen, in denen 1813 verwundete französische Soldaten lagen, erinnern nur noch einige aus Feldsteinen bestehende Mauern. Gegenwärtig ist das Gehöft im Besitz eines Engländers. Er möchte die Gebäude sichern und sie (vielleicht) zu seinem Alters- bzw. Zweitwohnsitz ausbauen.

Reste der Scheunen- und Stallanlagen

Diesbezüglich könnte ihm ein Umstand jedoch die Freude verhageln:

Denn auf dem Gelände geht ein Gespenst um!

Das jedenfalls wusste ihm der Vorbesitzer mit ernster Miene zu berichten. Und wer weiß, eventuell hatte dieser ja Recht. Abgesehen von unzähligen erfundenen Spukgeschichten, gibt es hier und da durchaus belegte „paranormale“ Erscheinungen. Vornehmlich treten die in uralten Gemäuern und dort auf, wo Verbrechen geschahen, wo Menschen Leid erfuhren und qualvoll verstarben. Solche Geschichten voreingenommen von der Hand zu weisen wäre überheblich! Wir Erdenwesen sind weder wissenschaftlich noch intuitiv in der Lage, unsere komplexe, vielschichtige sowie unendliche Welt in all ihren Facetten zu erfassen. Bei allem, was wir uns (auch historisch gesehen) anmaßen zu beurteilen, sollten wir stets die Weisheit Isaak Newtons im Hinterkopf behalten:

Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean.

In diesem Sinne bleiben Sie stets kritisch! Hinterfragen Sie, was Ihnen andere weismachen wollen. Besonders in Geschichtsangelegenheiten gilt: Versetzen Sie sich immer in die Menschen jener Zeit und glauben keiner vorgefertigten Meinung. Auch wenn es bestimmten Leuten nicht passt: Sehen, hören, lesen und vor allem – denken Sie selbst!

Herzlichst Ihr Gastautor bei Napoleonzeit 1813 e. V.
Arnd Krenz

Schauen Sie sich bitte auch meine Bücher aus der Reihe „Auf historischen Pfaden“ – wahre Geschichten und Sagen aus der Oberlausitz – an.

Wo Geschichte lebendig wird

Gemälde: Michael Franke, Ebersbach