Sommer 1813: Aufregung im Zittauer Gebirge

Napoleon in Lückendorf

Aufgeschrieben und bebildert von Arnd Krenz

Unruhig traten Bürgermeister und Stadträte am Donnerstag, dem 19. August 1813, am Frauentor von einem Bein aufs andere. Daneben stand in Reih und Glied die Schützengilde und hinter ihnen warteten bekränzte Ehrenjungfern mit Blumensträußen im Arm. Sie tuschelten aufgeregt, denn gleich müsste er erscheinen – der Kaiser der Franzosen. Gegen 10 Uhr am Vormittag war es endlich so weit: Der große Feldherr höchstpersönlich durchritt den Torgang. Auf Handzeichen fingen in Zittau alle Glocken an zu läuten und Napoleon hielt ehrenvoll Einzug in die Mauern der Stadt. Doch so wie die kriegsgebeutelten Bürger ihm die Ehre erwiesen (und wohl auch mussten), genauso skeptisch sahen sie seine Ankunft. Denn überall, wo Napoleon persönlich auftauchte, verhieß das für sie nichts Gutes. Was wollte er hier in Zittau, was war geschehen?

Blick auf Zittau mit der Johanniskirche

Waffenstillstand und ein „unerhörtes“ Friedensangebot

Reichlich 8 Monate waren vergangen, da hatte Napoleon seine geschlagene Armee in Russland verlassen. Die übrig gebliebenen Soldaten fluteten zurück, viele von ihnen blieben in der Oberlausitz hängen. Nun lagen sie siech in den behelfsmäßig eingerichteten Lazaretten und hatten eine große Anzahl Bürger angesteckt. Die Zittauer dachten, der Krieg sei vorbei, doch plötzlich war der französische Kaiser wieder da! Mit einer neu aufgestellten Armee wollte er seine „Errungenschaften“ gegen die anrückenden Russen verteidigen. Inzwischen waren auch die Preußen auf deren Seite, was ihm doppelte Kopfschmerzen bereitete. Zwar hatte er am 20./21 Mai eine siegreiche Schlacht bei Bautzen ausgefochten, doch er war angeschlagen. Die Truppen mussten sich erholen und so nahm er am 1. Juni einen von Österreich vorgeschlagenen Waffenstillstand an.

Haus des Fürsten Poniatowski in der Webergasse 12, Zittau

Der Waffenstillstand war eine feine Sache, vor allem für die Soldaten. Einige französische und polnische Truppenteile lagen im Juni in der südlichen Oberlausitz und genossen die „freie“ Zeit. Ebenso der polnische Fürst Poniatowski, der am 15. Juni mit seinem Gefolge in der Zittauer Webergasse 12 Quartier nahm. Für die Honorationen der Stadt als auch die Bürger organisierte er zwischen Juni und August ein Fest nach dem anderen. Paraden wurden abgehalten, Schaumanöver durgeführt und Massenspeisungen arrangiert. Sogar das Tanzen einer Polonaise (polnischer Nationaltanz) brachte er den Zittauern bei.

Metternich und Napoleon geraten bei Friedensverhandlungen in Dresden hart aneinander

Dass dieses Treiben nicht ewig dauern konnte, war klar. Langsam aber sicher zogen dunkle Wolken auf, nachdem der österreichische Kanzler Metternich Napoleon am 26. Juni in Dresden ein Friedensangebot unterbreitet hatte. Im Grunde forderte er nichts anderes, als dass Napoleon auf all seine gewonnenen Gebiete in Europa verzichten solle. „Frankreich zieht sich bis zum Rhein zurück und Österreich verzichtet dafür auf den Kriegseintritt“, schlug er vor.
9 Stunden redeten sie miteinander, dann gingen sie im Streit auseinander. Napoleon lehnte das Angebot empört ab. Was jetzt passieren würde, war ihm bewusst.

Der Krieg geht weiter

Österreich mobilisierte seine Armee. In der Nacht vom 10. zum 11. August 1813 war sie bereit. Von den böhmischen Bergen kündeten lodernde Flammen: Kaiser Franz I. ist aufseiten der Preußen und Russen in den Krieg eingetreten. Napoleon nahm an, das österreichische Heer würde nunmehr aus Richtung Deutsch-Gabel (Jablonné v Podještědí) gegen Zittau marschieren. Dazu allerdings hätten Sie den Lückendorfer Pass überwinden müssen.
„Und genau von diesen Höhen aus“, dachte sich Napoleon, „werde ich sie bereits im Vorfeld zwischen Petersdorf (Petrovice) und Gabel schlagen“.
Er konzentrierte sein Hauptheer westlich von Görlitz und ritt am 19. August persönlich in Zittau ein.

Luftaufnahme vonDeutsch-Gabel (Jablonné v Podještědí). Im Hintergrund der Lückendorfer Pass 

Das ehemalige Hotel zur Sonne auf dem Marktplatz von Zittau. Hier nahm Napoleon ein Frühstück ein. 

Hier verlor er keine Zeit. Nach einem 10-Uhr-Frühstück im Hotel zur Sonne hielt er eine Lagebesprechung mit Poniatowski und anderen Marschällen ab. In deren Ergebnis verließen die Truppen eilends ihre Biwaks und marschierten auf der Gabeler Straße in Richtung Eichgraben / Lückendorf. Der Kaiser selbst ritt zwischen Gabeler Straße und Olbersdorf auf dem Mittelweg nach Süden auf das Gebirge zu. An einer einsam stehenden Linde machte er gegen 15 Uhr Halt und ließ sich einen Stuhl bringen. Von ihm aus beobachtete er die in langen Kolonnen vorrückende Armee. Parallel befahl er seinen Begleitern, ihm den Bürgermeister vom nahe gelegenen Grottau (Hrádek nad Nisou) herbeizuschaffen. Ob er wisse, wo die Österreicher lägen, fragte er ihn. Erschöpfend schien dessen Antwort jedoch nicht ausgefallen zu sein. Also bestieg er sein Pferd und ritt hoch auf den Lückendorfer Pass. An der Stelle des heutigen Hotels zum Hochwaldblick verschaffte sich Napoleon mit seinen Marschällen einen persönlichen Überblick. 

Napoleonlinde zwischen Zittau und Eichgraben 

Napoleonlinde zwischen Zittau und Eichgraben 

Blick von der Napoleonlinde auf das Kraftwerk Turow 

Blick von der Napoleonlinde auf  die Gabeler Straße zwischen Zittau und Eichgraben. Von hier aus beobachtete Napoleon die Bewegung seiner Truppen. 

Aussicht von der Fürstenhöhe in Lückendorf. Hier stand Napoleon am Nachmittag des 19. August mit seinen Marschällen und verschaffte sich persönlich einen Überblick. Heute steht an dieser Stelle das Hotel Hochwaldblick (leider geschlossen). 

Außer einer als Vor- oder Nachhut handelnden Truppe Infanterie und Reiter konnte Napoleon aber weit und breit keine Österreicher entdecken. Rasch waren diese Soldaten in die Flucht geschlagen und die Spitze seiner Armee rückte schnell nach Gabel vor. Wie sie feststellte, war nicht ein einziger Feind im Ort – was war hier los?
„Trotzdem ist Vorsicht geboten“, sagte sich Napoleon und ließ die Einwohner von Lückendorf aus ihren Häusern und Feldern treiben.
Unter französischer Aufsicht mussten sie im Schweiße ihres Angesichts Schanzen ausheben. Napoleon indes gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte nach Gabel. Gegen 19 Uhr erfuhr er im alten Posthaus, dass die österreichische Armee längst abgedreht und in Richtung Dresden unterwegs war. Also machte er auf dem Absatz kehrt und ritt zurück gen Zittau. Am darauffolgenden Tag änderte er seine Pläne und marschierte mit seiner Armee nach Dresden. Dort kam es am 26. August zu der von ihm ersehnten Schlacht. Das allerdings ist eine andere Geschichte … 

Das Ausheben der Schanzen durch die Bewohner Lückendorfs ist im Museum Napoleonzeit 1813 in einem Zinnfiguren-Diorama dargestellt. 

Die Stelle der im Diorama dargestellten Schanzarbeiten heute. Sie liegt unmittelbar neben dem Forsthaus Lückendorf. 

Im Wald sind die Gräben noch heute zu sehen. 

Das alte Posthaus in Gabel. Hier erfuhr Napoleon vom Abzug der Österreicher. 

Infotafel auf dem Lückendorfer Pass, aufgestellt vom Verein Napoleonzeit 1813 e. V.  

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